Artenvielfalt in Augsburg - Wie pflegt die Stadt ihre Grünflächen?

Das dramatischen Insektensterben und die Abnahme unserer Artenvielfalt zwingt uns zum raschen Handeln. Die Ungeduld vieler Bürgerinnnen und Bürger und Ehrenamtlicher aus dem Naturschutzbereich verstehe ich. Die Stadt Augsburg versucht im Rahmen unserer Möglichkeiten eine Trendwende in der Grünflächenpflege herbeizuführen. Ich bitte um Nachsicht, dass uns das nicht gleich im ersten Jahr vollumfänglich gelingen wird und hoffe, dass die dargestellten Aktivitäten zeigen, dass Augsburg schon viel geleistet hat und wir uns auf einem guten Weg befinden.

Wo mäht die Stadt jetzt und warum?

Insgesamt hat die Stadt Augsburg 630.000m² Rasenflächen im Straßenbegleitgrün in der Mähvergabe. D.H. hier mähen verschiedene Firmen im ganzen Stadtgebiet. 60% dieser Flächen (ca. 38 ha) werden dreimal gemäht, der 1. Mähgang befindet sich im Moment in der Fertigstellung. 7% der Gesamtfläche werden intensiv gemäht, z.B. Innenstadt und weitere Flächen mit hohem Verkehrsaufkommen, auch im Fußgängerbereich und damit einhergehendem Müllaufkommen und hohem Nutzungsdruck. Die restlichen 33% werden ganz extensiv, nur zweimal gemäht, z.T. werden dabei auch die Blühaspekte berücksichtigt.

Es handelt sich bei den 630.000m² um hunderte, teils sehr schmale und schwierig zu bearbeitenden Flächen. An zahlreichen Stellen kommen Einfahrten und sind Sichtdreiecke frei zu halten. In Jahren mit durchschnittlichem Regenaufkommen sind die meisten Flächen Mitte Mai bereits sehr hoch, so dass die Verkehrssicherheit gefährdet ist.

Zentrales Kriterium bei den Arbeiten im Straßenbegleitgrün ist die Verkehrssicherungspflicht, Kreuzungsbereiche und Einfahrten müssen gemäht werden, auch entlang von Gehwegen und Straßenbahnen. Die Reduktion der Schnitte auf einen bzw. zwei wurde bereits vor Jahren erprobt mit dem Ergebnis, dass die Polizei regelmäßig Mäharbeiten eingefordert hat. Der Gesamtumfang ist riesig und die zusätzlichen Kosten enorm. Für die differenzierte Mahd kommen momentan doppelt so hohe Kosten auf, als bei der 3-maligen extensiv Mahd. Momentan werden ca. 350.000 € für die Vergabe von Mäharbeiten im Straßenbegleitgrün aufgewendet. Weitere 50.000 €, die für die Ausmagerung der Flächen notwendig wären, stehen momentan ebenfalls nicht zur Verfügung. Das anfallende Schnittgut von Straßenbegleitgrün kann nur als Müll entsorgt werden.   

In Grünanlagen gibt es ebenfalls große Mähflächen, von denen bereits viele Teile extensiviert wurden, z.B. Teile im Friedrich-Ebert-Park, in den Lechanlagen und im Wittelsbacher Park. Der Nutzungsdruck ist aber erheblich, so dass insbesondere Spielplätze, Liegewiesen, Bolzplätze und Naherholungsgebiete ab April intensiv gemäht werden. Uns erreichen auch einige Anfragen besorgter Bürger, die aufgrund von Zeckenbefall und starker Vermüllung (z.B. Hundekot, Plastik und Glasscherben) einen höheren Pflegestandard, d.h. häufigeres Mähen fordern. Und dann gibt es noch die Hundebesitzer, die auch einen Auslaufbereich für Ihre Hunde haben möchten. Hier muss ich als Referent und das zuständige Amt einen Kompromiss finden, um allen Bedürfnissen entgegen zu kommen. In Biotopen und Ausgleichsflächen (ca. 180ha) wird ausschließlich extensiv und differenziert gemäht mit viel Rücksicht auf Blühaspekte und Standortansprüche.

Das derzeit bewilligte / in Einstellung befindliche Personal dient der Bewältigung von aus den Vorjahrzehnten bestehenden Defiziten (annähernde Verdoppelung der betreuten Flächen in den letzten 23 Jahren: 1995: 654 ha; 2018: 1.104 ha) v.a. in der Baumpflege, aber auch im Bereich der Grünflächenpflege und –unterhaltung (z.B. Müllentsorgung nach warmen Wochenenden an Wertach, Kuhsee etc.). Darüber hinaus ist ein verstärkter Erholungsdruck auch aus den umliegenden Städten und Gemeinden festzustellen, da diese ihre Einrichtungen schließen (z.B. Schließung des Grillplatzes am Friedberger Baggersee 2016) bzw. deren Nutzung stärker reglementieren (z.B. Leinenpflicht Königsbrunn 2014).

Zusätzliche Aufgaben wie eine ökologische Pflege der von uns betreuten Flächen würden eine erneute Aufstockung des Personalstands erfordern. Alleine zur Vorbereitung der Umstellung der Mahd im Straßenbegleitgrün wäre zusätzlichen Personal zur Ermittlung der Flächen, Ausschreibung und Kontrolle der Arbeiten erforderlich.

Invernessallee

Hintergrundinformationen zur Entwicklung und Mahd von Straßenbegleitgrün:

Die Pflege des Straßenbegleitgrüns ist im Rahmen von Verträgen mit einer dreijährigen Laufzeit (2018 bis 2020) vergeben. Die Stadt Augsburg kann aus  diesen Verträgen nicht einfach aussteigen. Darüber hinaus ist die Zahl der Firmen, die die Pflege von Straßenbegleitgrün übernehmen sehr begrenzt. Es wäre schlichtweg unmöglich, zeitnah alternative Anbieter in der notwendigen hohen Anzahl mit geeigneter Technik zur Mahd von Langgraswiesen auf die Flächen zu bekommen.

Man sollte auch überlegen, ob der „zu frühe Schnitt“ im bestehenden Straßenbegleitgrün wirklich ein so großes Problem ist. Die  Alternative ist eine zeitgleichen Mahd von Straßenbegleitgrün und Grünanlagen (in denen so viel Fläche, wie mit dem Nutzungsdruck der Bevölkerung vereinbar später gemäht wird) im Juni. Abgesehen davon, dass die Mahd aller Flächen in einem so eng begrenzten Zeitraum logisitsch und personaltechnisch auch schlichtweg unmöglich wäre. Keine Mahd ist ebenfalls keine Alternative, da die Flächen sonst sehr rasch mit Gehölzen zuwachsen.

Auch verschiedene fachliche Rahmenbedingungen erfordern einen relativ frühen Schnitt bzw. zeigen, dass er eben nicht katastrophal ist:

  • Geschätzt 95-98% des bestehenden Straßenbegleitgrüns verfügen nicht über einen mageren Substrataufbau. Viele blühende Pflanzen brauchen aber genau einen solchen mageren Boden. Auch bei jüngeren Flächen ist es durchaus der Fall, dass die Flächen humisiert werden. Hier sind Bewußtseinsänderungen bei den Landschaftsarchitekten und Unternehmen erforderlich, die den Unterhalt bei Planungen selten berücksichtigen. Die Humisierung verursacht eine starke Wüchsigkeit der Flächen, der nur durch einen rechtzeitigen Mähzeitpunkt und Aushagerung der Flächen ansatzweise zu begegnen ist.
  • Alleine mit den Niederschlägen kommt jährlich seit den 1990er Jahren zusätzlich mindestens eine Stickstoffmenge, die einer landwirtschaftlichen Volldüngung der 1960er Jahre entspricht auf die Flächen.
  • Das Schnittgut des 3. Mähdurchgangs wird nicht abgeräumt und „düngt“ die Flächen bzw. bewirkt eine zusätzliche Humusbildung. Das z.B. an der Haunstetter Straße deutlich sichtbare „Herausheben“ des Straßenbegleitgrüns ist nicht ausschließlich auf die Baumwurzeln, sondern auch auf die jahrzehntelange Bodenbildung zurückzuführen.
  • Die Bestände des Straßenbegleitgrüns sind „wiesenartig“ und damit auf Mahd zwingend angewiesen. Für die Herstellung der Flächen wurde früher eine Rasenansaat ausgebracht. Trotzdem haben sich mit dem praktizierten Mahdregime deutlich kräuter- und artenreichere Bestände als auf den meisten normalen landwirtschaftlichen Grünlandflächen etablieren können. Ein immenser Artenverlust, weil nicht auf das Aussamen der Arten gewartet wurde, ist nicht erfolgt (im Gegenteil) und auch nicht zu erwarten, da die vorhandenen Arten mit dem Pflegeregime (über-)leben konnten und können. Pflanzen vermehren sich nicht ausschließlich über Samen und können ihre Bestände z.B. über Ausläufer vergrößern (z.B. Margerite), bzw. viele können im Rahmen der praktizierten Pflege eine Nachblüte mit Samenentwicklung durchlaufen. Die beigefügten Bilder aus der Rumpler bzw. Haunstetter Straße von 2016 zeigen, dass auch in diesen Flächen eine verhältnismäßig hohe Artenzahl sowie auch Samenansatz festzustellen sind.

Weiterer Zeitplan

Rumplerstraße

  1. Die Begutachteten Grünflächen „Rumplerstraße“ und „Grünbrücke B17 / Siebentischpark“ haben ein neues Mahdregime und wurden bis jetzt nicht gemäht!
  2. Weitere Flächen des AGNF werden später gemäht:
    1. Bgm.-Ackermann-Straße: 0,4 ha
    2. Grünbrücke B17 Leitershofen-Pfersee: 0,8 ha
    3. Grünfläche Bgm.-Müller-Ring / B17: 0,5 ha
    4. Grünflächen Friedrich-Ebert-Siedlung: rund 2 ha
    5. Grünflächen Rumplerstraße: rund 1 ha
    6. Grünflächen am Lech: rund 1,5 ha
    7. Summe gesamt: 6,2 ha!
    1. Das Projekt „Insekten.Vielfalt.Augsburg“ hat offiziell am 3. Mai 2019 begonnen. Bereits jetzt wurden im Rahmen des Projektes auf 9 Teilflächen Maßnahmen zur Artenanreicherung mit autochthonem Saatgut aus dem Naturschutzgebiet Stadtwald Augsburg vorgenommen. Gesamtfläche: rund 2 Hektar. Die Artenanreicherung hat mittelfristig positive Auswirkung auf angrenzende Bereiche, so dass man von insgesamt mind. 5 Hektar Aufwertung sprechen kann. Kosten: rund 22.000.- € (Saatguternte, Flächenvorbereitung, Aussaat, Struktuanreicherung)
    2. Wir werden dieses Jahr im Sommer wieder von mind. 10 ha Samen ernten. Soviel gute Spendenflächen hat kein anderer Landschaftspflegeverband.
    1. Neue Partner wurden gewonnen:
      Uni Augsburg, Physik-Wiese: 1,8 ha, 0,25 ha Artenanreicherung; Strukturanreicherung
      TSG Lechhausen; 7,5 ha Sportfläche, zahlreiche Kleinmaßnahmen im Jahr 2019: Blühränder, Totholzhäufen, Insektennistwand, Gehölzpflanzun
      Stadtarchäologie; Grünfläche Pfannenstiel: 3,5 ha; Artenanreicherung, Extensivierung, Rinderbeweidung
      Stadtwerke Augsburg: Heizkraftwerk: 1 ha Fläche; Artenanreicherung, Naturschutzmahdregime
      Augsburger Wohnbaugruppe: bisher Weltwiese Artenanreicherung; Mehrere Insektenhotels bestellt, weitere Flächen sollen umgestaltet werden
      Schwerhörigenschule Ackermannstraße: komplette Umgestaltung Außengelände; Beratung des Landschaftsarchitekten zur Umsetzung insektenfreundlicher Maßnahmen
      Fliesenlegerbetrieb Thomas Fitz (Bergheim): Beratung zur insektenfreundlichen  Gestaltung der Außenanlagen; über 1.00 m²; Anlage von Ruderalflächen, Tümpel, Insektengehölze, Blühwiesen.

    1. Spätestens ab Anfang Juni geht unsere Projekthomepage Online (www.insektenvielfalt-augsburg.de); Inhalte:
      Gute Praxis-Beispiele für insektenfreundliche Außenanlagen, Gärten etc.
      Handlungsempfehlungen für Gartenbesitzer, Hausmeister, Balkonier
      Umweltbildung: Parallel zu den Maßnahmen führen wir bis jetzt an 5 städtischen Schulen Bildungsprojekte zum Thema Insekten durch.
      Außerdem erarbeiten wir Bildungsmodule, um auch im außerschulischen Bereich attraktive Veranstaltungen zum Thema anbieten zu können.
      Im Sommer ist unser Forschermobil unterwegs, um an viel besuchten Insektenflächen Informationen unter die Leute zu bringen. Wir legen in dieser Woche im Botanischen Garten eine Schaufläche an.!
    1. In den nächsten Monaten erarbeiten wir Fortbildungsmodule zu Biodiversität. Ansprechen werden wir Kolleginnen und Kollegen, die in der Grünflächenpflege tätig sind.
      Die Stadt Augsburg gibt ab 2019 30.000.- € mehr Zuschuss an den Landschaftspflegeverband Augsburg, damit sie die Mittel haben, um die zusätzlichen Maßnahmen finanzieren zu können.

 Haunsstetter Straße

Bezogen auf die konkret besuchten Flächen (Grünbrücke Inverness Allee und Rumpler Straße) kann ich Ihnen somit mitteilen, dass eine Änderung des Pflegeregimes dahingehend vereinbart wurde, dass an der Grünbrücke nur noch dort gemäht wird, wo es unabdingbar ist (z.B. wegbegleitend) bzw. der Nutzungsdruck höher ist (nördlich der Inverness Allee zwischen Radweg und Baumgartnerstr.). Diese Pflege ist mit beigefügten Bildern dokumentiert. Die Pflege an der Rumpler Str. wurde in Teilbereichen dem LPVA übertragen, am 14.5.2019 erfolgte die Impfung der Flächen im Rahmen des Projekts Insekten.Vielfalt.Augsburg (Bodenbearbeitung und Ansaat).

Augsburg legt für seine rund 300.000 Einwohner Wert auf multicodierte Grünflächen, d.h. dass die Flächen möglichst viele Funktionen erfüllen sollen. Der primäre Zweck der Flächen ist die Erholung (vgl. Grünanlagensatzung der Stadt Augsburg §2 in Verbindung mit §7 ). Weitere Zwecke, die im Einklang mit diesem primären Zweck zu erfüllen sind, ist z.B. die Anpassung an den Klimawandel bzw. die Entwicklung klimaresilienten Stadtgrüns, Erhalt und Förderung der Biodiversität, Biotopverbund usw. Diese Zwecke können in den meisten Fällen gut miteinander vereinbart werden, wo allerdings der Nutzungsdruck zu hoch ist, werden die anderen Zwecke / Funktionen zurücktreten. Diese Vorgehensweise ist absolut sinnvoll, da anderenfalls z.B. der Nutzungsdruck in anderen, deutlich sensibleren Flächen erhöht würde (z.B. Kuhsee <-> Stadtwald Augsburg).

Trotz Sensibilisierung vieler Bürgerinnen und Bürger durch das Volksbegehren gibt es immer noch einen hohen Anteil an Personen, die erwarten, dass ihnen gepflegte, nutzbare Flächen für unterschiedlichste Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden. Die Schere der Ansprüche an unsere Flächen ist sehr weit geöffnet und es müssen alle berücksichtigt werden. Dies stellen wir immer wieder auch anhand der direkt an uns gerichteten Anfragen fest und versuchen alle Interessensgruppen unter einen Hut zu bekommen.

Ein später Mähzeitpunkt auf allen Flächen wäre auch aus naturschutzfachlicher Sicht kontraproduktiv. Offenlandarten der genutzten (Mäh-)wiesen sind an diese „kleinen Katastrophen“ angepasst und benötigen sie sogar. Reich strukturierte Flächen mit unterschiedlichsten Vegetationsentwicklungsstadien (z.B. Mosaik von zu unterschiedlichen Zeitpunkten gemähten Flächen, Brennnessel- und andere Hochstaudenfluren, Säume an Hecken und Waldrändern) stellen eine Vielfalt der Lebensräume dar und bieten Lebensraum für viele Arten.

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