Grußwort bei der Tagung zur "Letzten Heimat"

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

wenn es Themen gibt, die alle Menschen, jenseits ethnischer, religiöser oder sozialer Herkunft verbinden, dann sind dies die Themen „Tod und Sterben“, Niemand kann sich dem entziehen. Jeder ist davon mehrmals in seinem Leben betroffen. Es sterben geliebte Menschen, jeder/jede durchlebt irgendwann die bekannten Phasen der Trauer und des Abschied Nehmens. Und viele Menschen finden in diesen Stunden des Abschieds Trost in teilweise jahrhundertealten Ritualen. Sie geben Halt und Struktur in einer Zeit extremer Gefühle. Sterben müssen wir alle. Aber die Art und Weise mit dem Tod, dem Ausdrücken von Trauer, dem Begräbnis, dem Gedenken an die Verstorbenen umzugehen – all das ist kulturell und religiös geprägt. Hinzu kommt, dass auch kulturelle Vorstellungen vom Leben und Tod einem zeitlichen Wandel unterworfen sind.

Geht man über alte Friedhöfe in Niederbayern, so kann man dort ganze Lebensläufe von Verstorbenen lesen oder erfahren, was die Todesursache war. In der heutigen Zeit wären solche Grabsteinbeschriftungen undenkbar.

In katholischen Gegenden wurden die Toten noch bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts drei Tage zu Hause aufgebahrt und die Angehörigen trafen sich zum Rosenkranzgebet. Auch dies wird heute anders gehandhabt.

Neue Bestattungsformen, wie die des Friedwalds sind zur klassischen Erdbestattung hinzugekommen. Längst haben freie Trauerredner/innen, die keiner Konfession zugehörig sind ihren festen Platz bei Beerdigungen eingenommen. Auch dies ist eine sehr neue Entwicklung.

Neben dieser Vielfalt an Riten in den christlichen Kirchen, gab es in Deutschland über die Jahrhundert lange Traditionen jüdischer Bestattungen und auch muslimischer Begräbnisse. Wurden auch viele jüdische Friedhöfe im Nationalsozialismus zerstört, finden wir sie dennoch immer noch an vielen Orten in Deutschland.

Historische muslimische Gräberfelder sind selten, aber es gibt auf großen Friedhöfen in Berlin, oder in Hannover Gräber von Muslimen, die im Sold der preußischen Fürsten gestanden haben oder zur Zeit der Kriege mit dem Osmanischen Reich nach Deutschland verschleppt wurden, und sich nicht haben taufen lassen.

 

Durch die Arbeitsmigration, den Zuzug jüdischer Kontingentflüchtlinge aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, oder auch der Hinwendung zum Buddhismus haben sich die Begräbnis- und Trauerkulturen noch stärker ausdifferenziert. Deutschland ist heute eine kulturell und religiös vielfältige Gesellschaft und Bürgerinnen und Bürger dieses Landes beanspruchen auch immer stärker das Recht, gerade auch bei den elementaren Ereignissen wie Tod, Sterben und Begräbnis auf Vertrautes zurückgreifen zu können – und wo dies nicht vorhanden ist – dies einzufordern.

 

Jahrzehntelang, um mit den Migrantinnen und Migranten aus der Türkei, eine Gruppe herauszunehmen, wurden die Verstorbenen in die Türkei überführt. DITIB, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, mit ihren zahlreichen Moscheegemeinden in Deutschland bietet ihren Gemeindemitgliedern eine Versicherung an, die die Überführungskosten im Todesfall übernimmt.

Seit einigen Jahren ist hier ein leicht gegensätzlicher Trend zu erkennen. Muslimische Gemeinden kommen immer stärker auf die Verwaltungen der Städte und Gemeinden zu und bitten darum, Strukturen zu schaffen, die es auch Muslimen ermöglichen, nach ihrem Tod, in der neuen Heimat auch eine letzte Heimat zu finden. Dazu zählt, dass die Grabstätten nach Mekka ausgerichtet werden, dass Waschräume zur Verfügung stehen, dass die Ruhe der Toten nicht gestört wird und dass es nach Möglichkeit auch eine sarglose Bestattung gibt.

Hier hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Nur noch in wenigen Bundesländern ist eine sarglose Bestattung nicht möglich. Auch in Bayern gibt es inzwischen parteiübergreifend Bestrebungen, die landesgesetzlichen Regelungen zu ändern um somit Muslimen eine Tuchbestattung hier in ihrer neuen Heimat zu ermöglichen.

 

Als Referent für Umwelt, Nachhaltigkeit und Migration ist es mir ein großes Anliegen, dass sich die Vielfalt in der Stadt Augsburg auch darin niederschlägt, dass wir auch unsere Friedhöfe für alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt öffnen. In diesem Sinne habe ich mich gleich nach meinem Amtsantritt dafür eingesetzt, dass es eine neue Waschgelegenheit für Muslime auf dem Gögginger Friedhof gibt. In Zusammenarbeit zwischen Friedhofsverwaltung und den Muslimischen Gemeinden konnten die Räume renoviert und neu ausgestattet werden. Auf einer Informationsveranstaltung habe ich mit der Friedhofsverwaltung ein neues Gräberfeld für Muslime auf dem Neuen Ostfriedhof in Lechhausen vorgestellt.

 

Das Sterben gehört für uns alle zum Leben dazu. Wenn ich gerne an einem Ort gelebt habe, wenn meine Familie dort lebt, entsteht das Bedürfnis, auch an diesem Ort begraben zu sein. So gesehen, ist der Wunsch vieler Menschen, die selbst oder deren Eltern als Migrantinnen und Migranten zu uns gekommen sind, in Augsburg beerdigt sein zu wollen, das höchst mögliche Zeichen von gelungener Integration.

 

Ich habe nun mit den Muslimen willkürlich eine Gruppe aus unserer vielfältigen Stadtgesellschaft herausgegriffen. Die Ermöglichung eines würdigen Trauerrituals gilt natürlich für alle religiösen und nicht- religiösen Gruppen in unserer Stadt.

 

Ich danke dem bfz und dem Jungen Theater Augsburg, dass sie den Mut hatten, dieses Thema, das wir alle immer gerne vor uns her- und von uns wegschieben möchten, aufzugreifen. Das Thema ist nicht nur ein Thema, das wie eingangs gesagt, alle Menschen verbindet, es ist auch ein Thema, zu dem alle Menschen etwas beitragen können. Ich wünsche Ihnen allen auch weiterhin eine sehr spannende und anregende Tagung.

 

http://www.letzteheimat.net/

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