Insekten.Vielfalt.Augsburg  Ein Projekt zum 10 jährigen Jubiläum der Augsburger Biodiversitätsstrategie

Vor 10 Jahren hat die Stadt Augsburg als eine der ersten Kommunen in Bayern ihre Biodiversitätsstrategie verabschiedet und damit ihren Ruf als Umweltstadt untermauert. Die Strategie wurde durch haupt- und ehrenamtliche Experten mit dem damaligen Umwelt­referenten Rainer Schaal erarbeitet. Die Biodiversitätsstrategie ist inhaltlich sehr gut, sie definiert als fachliche Ziele Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt und der hierfür erforderlichen Lebensräume im Stadtgebiet Augsburg und Umweltbildungsaktivitäten zur Sensibilisierung der Bevölkerung. Über den Stand der Umsetzung wurde kürzlich im Umweltausschuss berichtet.

 

Die Stadt Augsburg hat im Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg e.V. (LPVA) mit seiner Umweltstation einen zentralen Umsetzungspartner für verschiedene Offenlandlebensräume, für die sie als Flächeneigentümer verantwortlich ist. Im städtischen Grün bestehen viele gute Umsetzungsbeispiele (vgl. unten), mit Hilfe des LPVA sollen diese im Rahmen des Projekts "Insekten.Vielfalt.Augsburg", das heuer anläuft und dessen Effekte 2019, im Jubiläumsjahr der Strategie sichtbar werden, durch folgende Maßnahmen weiter ausgebaut werden:

  • Auf ausgewählten Grünflächen sollen Pflanzenarten von artenreichen Wiesen im Natur­schutzgebiet „Stadtwald Augsburg“, deren Samen bereits mit einem speziellen Erntegerät gesammelt wurden übertragen werden. Die geimpften Flächen werden nur zweimal im Jahr gemäht um blütenreiche Wiesen zu entwickeln. Auch Flächen von Kooperations­partnern wie der Augsburger Wohnbaugruppe, der Universität Augsburg oder dem Zoo werden ab August beimpft.
  • Insekten benötigen mehr als blütenreiche Wiesen, deshalb sollen auch Strukturelemente angelegt werden, die Insekten und ihrem Nachwuchs als Wohnzimmer dienen. Dazu gehören Trockenmauern, Totholzhäufen oder Sand- und Kiesflächen.
  • Wichtig ist auch, dass in Privatgärten und auf Firmengeländen Maßnahmen umgesetzt werden. Ein Maßnahmenkatalog, der Handlungsempfehlungen beinhaltet, soll hier unterstützen. Außerdem werden Good-Practice-Beispiele auf einer Homepage vorgestellt.
  • Von großer Bedeutung ist die Umweltbildung der Umweltstation. Bei Insektenpatenschaften an Schulen und Kindergärten (etwa durch den Bau von Insektennistwänden im Rahmen von Projekttagen) oder Erzähl-Cafés „Insektenfreundlicher Garten“, bei dem der Austausch zwischen Gartenbesitzern gefördert wird, sollen wichtige Kenntnisse zu Insekten vermittelt werden.

Der bayerische Umweltminister Marcel Huber hat kürzlich den "Blühpakt Bayern" verkündet, für den in den kommenden 5 Jahren staatliche Fördermittel bereitgestellt werden. Der Landschaftspflegeverband arbeitet bereits mit Hochdruck an entsprechenden Anträgen, um das erforderliche Personal und die finanziellen Mittel nach Augsburg zu holen.

Die Stadt unterstützt das Projekt in vielfältiger Weise, neben den Flächen und der Fachkompetenz der Mitarbeiter des Amts für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen (AGNF) ist der in die Beratungen des nächsten Doppelhaushalts 2019/20 eingebrachte Vorschlag, dass die Stadt einen höheren Mitgliedsbeitrag an den Landschaftspflegeverband zahlt, damit diesem der erforderliche Eigenanteil für die Akquise von Fördermitteln zur Verfügung steht, zu nennen.

Die Projektarbeit des LPVA aber auch des AGNF wie z.B. im Rahmen von "Stadtgrün wertschätzen" ist wichtig, aber Kontinuität und die Optimierung von Prozessen im Rahmen der täglichen Arbeit des Grünflächenamtes vor Ort ist von erheblicher Bedeutung für einen kontinuierlichen flächenbezogenen Naturschutzansatz. Diesen Ansatz mit allen anderen Nutzungsanforderungen in der öffentlichen Grünflächenpflege zur Deckung zu bringen ist in der Praxis ungleich schwieriger, als auf Biotop- oder Ausgleichsflächen. Konkurrierende Anforderungen sind hier zu berücksichtigen und ggf. gegeneinander abzuwägen - Sichtdreiecke an Kreuzungen aufgrund verkehrsrechtlicher Anforderungen, der Nutzungsdruck der Erholungsuchenden in einer wachsenden Stadt, natur- und artenschutzrechtliche Anforderungen - nicht überall kann man jedem Aspekt gerecht werden.

Dieser nicht immer dankbare und einfache Part fällt dem AGNF zu. Das Bewusstsein für die Verantwortung für die Artenvielfalt in städtischen Grünflächen ist im Grünflächenamt seit Jahrzehnten verankert und wird von den Mitarbeiter*innen gelebt. Im Rahmen des "Konzepts für die ökologische Grünflächenpflege", mit dem die Verwaltung im Rahmen eines Beschlusses vom Umweltausschuss beauftragt wurde, sollen diese Standards dokumentiert werden.

Arbeitsprozesse wurden seit den 1980er Jahren hinterfragt und möglichst nachhaltig und schonend für Fauna und Flora der Grünflächen und Parks gearbeitet. Für andere manchmal kaum wahrnehmbare Veränderungen tragen in öffentlichen Grünflächen zum Schutz und Erhalt von Insekten aber auch kleinen Wirbeltieren (z.B. Igel) bei, z.B.

  • Belassen von ungemähten Abschnitten in großflächigen Wiesenbeständen zur Sicherstellung der Samenbildung und als Überwinterungsstrukturen
  • Dreischürige Mahd im Straßenbegleitgrün (statt früher 6 Mähzyklen) schafft eine Balance zwischen Verkehrssicherungspflicht und Naturschutz (mehr als 150 verschiedene Pflanzenarten auf dem städtischen Straßenbegleitgrün)
  • Seit ca. 15 Jahren möglichst magere Herstellung von Straßenbegleitgrün, deutliche Verbesserung der Attraktivität der Flächen durch Blütenreichtum.
  • Kein Walzen von Grünflächen
  • Entfernung von Neophyten per Handarbeit
  • Verzicht auf Pflanzenschutzmittel seit Jahrzehnten
  • Herbstlaub wird - wo möglich - in den Anlagen belassen oder die Laubhaufen schonend mit dem Greifer statt einem Sauger entfernt
  • Plenterarbeiten oder Fräsen von Gebüschrändern erfolgen abschnittsweise
  • Die städtischen Bäume weisen viele Strukturen für Totholzbewohner, Fledermäuse und höhlenbrütende Vogelarten auf, über die Baumpflege werden diese gute Voraussetzungen möglichst erhalten etc.

Neben der seit Mitte der 1980er Jahre betriebenen Extensivierung von Flächen in Parkanlagen (die fast alle bis heute erhalten sind) werden die Leistungen der Stadt z.B. im Bereich des Westparks deutlich. Die insgesamt 58,5 ha Grünflächen und Parks wurden sehr abwechs­lungsreich (Staudenbeet, artenreiche Rasenflächen und extensive Wiesen) gestaltet. Alleine im Sheridan-Park stehen 10 ha intensiven Flächen 3 ha extensive Wiesen gegenüber. Auch in den Lechanlagen finden sich extensivierte Flächen und vor allem die seit 15 Jahren entstehenden Ausgleichsflächen der Stadt tragen wesentlich zum Erhalt der Vielfalt an Arten und Lebensräumen in Augsburg bei.

Zahlreiche Projekte und Prozesse, die die Biodiversitätsstrategie vorgibt wie z.B. Licca liber und Wertach vital, die damals angemahnt wurden, laufen heute - mit großer Unterstützung durch den ehrenamtlichen Naturschutz - bereits. Die Stadt setzt selbst verschiedene Maßnahmen wie z.B. der Flößerpark um, damit durch die Aufweitung der Flusslandschaft neue ökologisch wertvolle Lebensräume für Flora und Fauna entstehen.

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