Tolles Thema.

 

Zur Frage, ob hohle Phrase oder konkretes Handlungsprogramm – bei uns eher letzteres:

 

Im Juli hat der Augsburger Stadtrat nach gut einjähriger Vorarbeit die „Zukunftsleitlinien für Augsburg“ beschlossen. Sie umfassen vier Dimensionen – Ökologie, Soziales, Ökonomie und Kultur, liefern dort insgesamt 20 Leitlinien, die mit 75 Zielen unterfüttert sind.

Die neuen Zukunftsleitlinien bauen dabei auf dem Handlungsprogramm Nachhaltigkeit auf, das vor elf Jahren, 2004, beschlossen wurden.

 

Charakteristikum: diese Ziele sind beide Male in breiten Prozessen erarbeitet worden, mit Akteuren aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Sie gehören ihnen, es sind auch ihre. Entsprechend beteiligen sie sich auch an der Umsetzung.

 

Die Ziele sind motivierend ausgelegt – denn eigentlich ist nachhaltige Entwicklung ein Bewusstsein, eine Haltung, die mensch lernen kann und muss.

Gleichzeitig werden wir diese Ziele aber auch überprüfen – wir werden unser Nachhaltigkeitscontrolling fortführen, wollen nächstes Jahr den zweiten  Nachhaltigkeitsbericht erstellen, mit Indikatoren und Aktivitäten der Akteure aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Wenn man den in der Hand hält – so war es jedenfalls beim ersten – dann sieht man, daß sich etwas tut. Das überzeugt viele Skeptikerinnen und Skeptiker. Er war letztlich auch die Grundlage für die Zuerkennung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2013 als nachhaltigste Großstadt.

 

Also: in Augsburg ist Nachhaltigkeit keine hohle Phrase, sondern ein immer intensiverer Suchprozess.

 

Seit 19 Jahren läuft die Lokale Agenda 21 in Augsburg, und dieser Nachhaltigkeitsprozess wächst langsam, aber sicher immer weiter.

 

Trotz finanziell sehr schwieriger Zeiten hat unser Finanzausschuss mit breiter Mehrheit den dauerhaften Erhalt einer halben Stelle Nachhaltigkeitsmanagement beschlossen, so dass wir unsere Vernetzungsstelle jetzt mit drei Leuten auf insgesamt zwei Stellen arbeiten lassen können.

 

Sie suchen erfolgreiche Modelle – gibt es überhaupt Modelle für andere Kommunen, wenn wir Kommunen so unterschiedlich sind von unseren Voraussetzungen her – unserer Geschichte, unserer finanziellen und geographischen Lage, unserer Größe, unserer Einwohnerschaft?

 

Wir in Augsburg sind deshalb kein Modell, wir können nur über ein paar Prinzipien und Wege berichten, die wir bisher erfolgreich gegangen sind:

 

Beteiligung ist wichtig, im Sinne von Ownership, Miteigentümerschaft – Beteiligung im Nachhaltigkeitsprozess heißt bei uns: Mitsteuerung, Verantwortungsübernahme, Kooperation und Unabhängigkeit, Zusammenarbeit in verschiedenen Strukturen – Agendaforen, Nachhaltigkeitsbeirat, Zukunftspreis, in Projekten der Agendaforen, innerhalb der Verwaltung…Ziel ist eine möglichst große Vernetzung

 

Das ist selbst innerhalb der Verwaltung nicht einfach – so läuft die erstmalige Aufstellung eines Stadtentwicklungskonzepts für Augsburg verknüpft, aber parallel.

 

Offenheit, Kreativität ist uns wichtig – nachhaltige Stadtentwicklung muss eine Plattform sein, die immer wieder neue Leute hineinzieht, die aktuell ist. In den letzten Jahren haben wir zum Beispiel das Thema Kultur / Nutzung der kreativen Kraft und der tiefen und langfristigen Wirkung von Kultur bedacht und entwickelt – herausgekommen ist Kultur – im Sinne eines weiten Kulturbegriffs – als vierte Säule unsere nachhaltigen Entwicklung. Aber dazu wird heute Nachmittag Eva Leipprand, ehemalige Bürgermeisterin und Kulturreferentin sowie Mitbegründerin des Kulturnetzwerks hier in Augsburg am besten Auskunft geben. Sie war auch hier vor Ort entscheidend daran beteiligt, dass es diese vierte Dimension jetzt bei uns im Zukunftsleitbild gibt.

 

Dass wir auf ein Netzwerk setzen, dabei versuchen, dass Stadtverwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik auf Augenhöhe agieren, und dass Politik und Verwaltung zumindest die elementaren Mittel zur Verfügung stellen; dass wir einen langen Atem haben und gemeinsam in einem großen Lernprozess unterwegs sind – das konnte meinen vorigen Äußerungen schon entnommen werden.

 

Ich möchte noch kurz auf die aktuelle Debatte zu den Flüchtlingen eingehen und ein Verbindung zum Nachhaltigkeitsprozeß herstellen:

 

Eine Hauptursache für Flucht ist gesellschaftliche Armut, denn sie führt zu instabilen bzw. zerfallenden Staaten mit Konkurrenzkämpfen um materielle Ressourcen, die Leib und Leben der BewohnerInnen bedrohen. Ursachen des Staatenzerfalls sind oft die ungleiche Verteilung von Wohlstand und der ungenügende Zugang zu Einkommensmöglichkeiten, weshalb die Konkurrenz um diese Ressourcen oft klientelistisch, ideologien-/religionsverbrämt, mittels politischer Unterdrückung und letztlich mit Waffengewalt ausgetragen wird. Sehen Menschen keine Überlebenschancen für sich und ihre Familie in ihrer Heimat, suchen sie diese außerhalb.

 

Für uns als eine europäische Demokratie und Sozialstaat gilt es dementsprechend, weltweit zu mehr Verteilungsgerechtigkeit beizutragen. Hierzu sind konkrete Schritte und einverständliches Handeln notwendig, was wiederum Information, Bildung und Dialog voraussetzt. Neben Verteilungsgerechtigkeit geht es auch um Chancengerechtigkeit (z.B. durch Klimaschutz oder dass Landwirtschaft weltweit auch in Zukunft möglich ist).

Die Verteilungs- und die Chancengerechtigkeit müssen auch innerstädtisch bestehen, um Neid und Konkurrenzdenken argumentativ begegnen zu können.

Wir müssen verstärkt eine Debatte um Gerechtigkeit und Solidarität führen. Dafür bedarf es Plattformen, Akteure und Ziele.

 

Augsburgs Nachhaltigkeitsprozess als breiter Beteiligungsprozess bietet genau eine solche Plattform. Er ist glaubwürdig, weil sich die Akteure für den weiteren Ausbau innerstädtischer Solidarität genauso einsetzen wie auch für globale Solidarität und für ein entsprechendes ganzheitliches Bewusstsein und Handeln

Darüber hinaus wurde im Rahmen des Agendaprozesses nun eine verbesserte Sammlung stadtgesellschaftlich gemeinsamer Werte erarbeitet. Diese Werte sind in den „Zukunftsleitlinien“ zusammengefasst:

  • globale Solidarität und Entwicklung (Klimaschutz, natürliche Lebensgrundlagen, soziales und ökologisches Wirtschaften),
  • städtische Solidarität und Entwicklung (gesundes Leben, ganzheitliche Bildung, Sicherheit, Teilhabe, sozialer Ausgleich, Wirtschaftsstandort, Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten, Finanzkraft)
  • und die Erarbeitung eines entsprechenden gemeinsamen solidarischen Bewusstseins (Selbstbewusstsein / Heimat, Werte, Vielfalt, Beteiligung und gemeinsame Verantwortung, Kunst und Kultur).

 

Mit dem Nachhaltigkeitsprozess hat Augsburg eine gemeinsame Perspektive erarbeitet, handelt gemeinsam und praktiziert die nötige Weitsicht.

 

Fazit

 

Die Herausforderung war schon lange bekannt (siehe das Paradigma nachhaltiger Entwicklung, die Millenniumsentwicklungsziele der UN, jetzt die Sustainable Development Goals…).

Ein einfaches Weiterso, Einzäunen und Abschotten ist im globalen Zeitalter nicht möglich. Bei allen Akteuren (Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft) muss ein verändertes globales Denken und lokales Handeln noch weiter wachsen. Dies kann nicht verordnet, sondern durch Vorbilder, Engagement und qua Selbsterkenntnis entwickelt werden. Dazu braucht es offensive Anreize.

 

Weitere wichtige andere Prinzipien und Wege werden heute hier noch präsentiert und diskutiert – ich wünsche Ihnen und Euch viele gute Erkenntnisse und Ermutigung für den sicher noch langen Weg, den wir, die wir heute hier sind, aber schon alle angefangen haben zu beschreiten. Ich wünsche uns, dass es gelingt, noch viel mehr Menschen zu überzeugen und mit in unsere Prozesse hineinzubekommen. Ich danke deshalb auch den Organisatoren, dass sie dieses Thema im Programm haben, und habe mich sehr gefreut, dass Sie Augsburg als Tagungsort ausgewählt haben!

 

Vielen Dank und ein gewinnbringendes Seminar!

Kommentare unterstützt durch Disqus